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Review Cartier Tank Américaine Welche Uhr trägt eigentlich der Zeitgeist? Anfang der 1990er war es die Cartier Tank Américaine ( Ref. 1736 )

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Der Zeitgeist hält natürlich nicht auf roten Teppichen Uhren in die Kamera der Papparazzi, oder kriegt nach einem Sieg bei einem Formel-1-Rennen schnell noch eine Uhr um den Arm geschnallt, wie die üblichen Influencer. Der Zeitgeist ist per Definition der wichtigste Influencer der Welt – weil er alle beeinflusst, über die Kultur.

Wie er das heute macht, weiß ich nicht. Vielleicht treibt er sich dieser Tage mit Rappern herum und trägt Iced-out AP.

Einmal aber habe ich ihn mit eigenen Augen gesehen. Das war Anfang der 1990er Jahre in Berlin. Wie üblich hatte der Zeitgeist den Mantel der Geschichte an, der immer ein bisschen im Wind hängt. Unter dem Ärmel lugte eine Cartier Tank hervor. Es war aber nicht irgendeine von diesen zierlichen oder von denen mit den schrillen Formen. Der Zeitgeist trug eine Tank Américaine.

Klar, er ist ja immer der Erste und das Modell war erst 1989 zum 80. Jubiläum der Cartier-Niederlassung in den USA auf den Markt gekommen. Sie war wirklich amerikanisch. So wie Amerikaner auch Englisch sprechen, aber eben ein Anderes, so spielte auch die Tank Américaine mit der Designsprache aller Tanks aus Brancards, römischen Ziffern und einem Chemin de fer – aber eben anders. Sie war viel größer und kräftiger als frühere Tank-Modelle, einfach wolkenkratzeriger verkörperte sie das Motto “the sky is the limit”.

“You see that building? I bought that building 10 years ago. My first real estate deal. Sold it 2 years later, made an $800,000 profit. It was better than sex. At the time I thought that was all the money in the world. Now it’s a day’s pay.” Gordon Gekko (gespielt von Michael Douglas) im Film “Wall Street” von 1987.

Empire State Building

Damit passte sie perfekt in die Zeit. Die 1980er haben eine breitschultrige Silhouette; es geht um Macht und es geht ums Imponieren. Im prägenden Film der Zeit, “Wall Street”, zeigt Gordon Gekko, dass Gier gut ist und wie man das High Life lebt: exzessiv. Im Roman “Fegefeuer der Eitelkeiten” verfolgen wir den atemlosen Alltag eines Börsenmaklers, der sich als Teil der “Masters of the Universe” sieht, die die Gesellschaft regieren und sich dafür mit hemmungslosem Konsum feiern.

Cartier Tank Americaine (Reference 1736)
Cartier Tank Americaine (Reference 1736)

Es ist die Zeit der Yuppies. Sie und ihre jugendlichen Spiegelbilder, die Preppys in den USA, Popper in Deutschland, Sloane Ranger in England oder Paninaro in Italien heißen, wollen die Gesellschaft nicht verändern. Sie wollen an ihrer Spitze stehen und sie wollen, dass es jeder sieht. Der Exzess wird nur gebremst durch die Angst vor dem Dritten Weltkrieg zwischen dem Westen und dem Ostblock. Gerade in Deutschland ist das schwer auszublenden, weil die Trennlinie zwischen Westen und Osten als Mauer mit Stacheldraht, Selbstschussanlagen und Wachtürmen mitten durch das Land verläuft und das Geräusch den Ernstfall übender Düsenjäger auch Kindern vertraut ist. Die Welt lebt in zwei Realitäten, die sich feindselig gegenüberstehen.

Political map of the world, April 1989
Die politische Weltkarte von 1989.
Yuppie Handbook

Am Ende entscheiden nicht Panzer, welche Seite sich durchsetzt, sondern die Kultur. Die Menschen in den Staaten des Ostblocks stehen auf für Freiheit, Demokratie und Individualismus und stürzen die Regimes. Als 1989 die Mauer fällt und das gesamte Sowjetimperium östlich davon bald darauf ebenso in sich zusammensinkt, wird alles anders. Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama soufliert dem Zeitgeist im Sommer 1989 vor, das “Ende der Geschichte” sei gekommen. Der Triumph der Idee des Westens sei total: Individualismus und Konsum würden sich nun überall auf dem Erdball ausbreiten.

Der “Wind of Change” weht tatsächlich bald schon von Hannover bis zum Moskauer Gorki Park. Es fühlt sich an wie eine Erleichterung von vielen Sorgen. Überall liegt ein Gefühl so präsent in der Luft wie der Geruch von nassem Rasen im Mai: Das Gefühl des ungebremsten Aufbruchs unter der Pax Americana in eine blühende Zukunft, von Freiheit und Demokratie, aber auch Konsum und Party.

Potsdamer Platz in Berlin

Der Zeitgeist ist natürlich im Epizentrum dabei, in Berlin. Ich sah ihn, als er gerade über den Potsdamer Platz stapfte, die größte Baustelle Europas. Hier wurden die getrennte Stadt, das getrennte Land und der getrennte Kontinent mit Neubauten verbunden – mit dem deutschen Versuch, amerikanische Wolkenkratzer-Urbanität nachzubauen.

Cartier Tank Americaine (Reference 1736)

Während ich den Zeitgeist vor diesem etwas kläglichen Versuch der architektonischen USA-Mimikry beobachtete, verstand ich, dass seine Cartier nicht einfach nur ein Accessoire der späten 1980er war. Die Tank Américaine war mehr: ein Symbol des kulturellen Leitbilds am Arm, das nicht nur das Zentrum des neuen Berlins in Stein und Beton dominierte, sondern die ganze Kultur bis Wladiwostock. Alles würde irgendwann so werden.

Die Tank Américaine war die ideale Uhr für die Zeit nach dem Ende der Geschichte.

Das liegt zum einen daran, dass es ein Zweizeiger ist. Für die Zeit nach dem Ende der Geschichte sind Sekundenzeiger und Datum lästig. Ein Zweizeiger scheint immer stoisch stehend zu verweilen. Sein Antrieb pulst mit gemächlichen 2.75 Hertz durch die Zeit. Das Piaget 9P2 Werk kann sich die Lässigkeit erlauben, hat es doch schon 1957 die bis heute relevante Messlatte für extraflache Werke mit nur 2 mm Werkhöhe untertanzt. Es ist zugleich der Tradition verpflichtet: mit der Größe von neun Linien bleibt es in der Breite genau in den Maßen der Ur-Form der Cartier Tank.

Piaget 9P2 movement
Cartier Tank Americaine (Reference 1736)
Cartier Tank Americaine
Cartier Tank Americaine (Reference 1736)

Das liegt des Weiteren am Zifferblatt. Sein sehr fein geprägtes Guilloche-Muster bietet die Stilsicherheit einer über 200-jährigen Tradition. Die römischen Ziffern verweisen gar auf den weit über 2.000 Jahre alten Ursprung des Westens im Altertum. Dabei sind die Zahlen durch die grafische Vermittlung zwischen Kreisbewegung der Zeiger und Rechteckigkeit des Blatts gekrümmt und gedehnt wie Einsteins relative Zeit selbst und fließen wie von Dalí gepinselt über die Kante des Blatts.

Cartier Tank Américaine with beige suit
Pocket shot Cartier Tank Américaine

Auch hat das Zifferblatt über die Jahre einen warmweißen Elfenbein-Ton angenommen, so dass es mit nur etwas poetischer Anstrengung wie eine handgravierte Kamee vom Fuße des Vesuvs wirkt. Trotz der Detailfreude strahlt das Blatt zudem vollendete Ruhe aus, weil es mit den Maßen von 30 × 18.3 mm dem goldenen Schnitt entspricht. Wer wollte mit Leonardo da Vinci über Schönheit streiten?

Das liegt schließlich auch an der Form des Tank-Gehäuses, die seit über 100 Jahren die jedem Kind vertrauten Grundformen von Rechteck und Oval, von Technik und Natur, mischt. Die Uhr zeigt sich als Kunstprodukt und schmiegt sich zugleich aber auch organisch um das Handgelenk. Die Form des Gehäuses geht gebogen in das Band über und die raffinierte Faltschliesse reflektiert in ihrer stufenlosen Einstellbarkeit die Einzigartigkeit des Individuums.

Cartier Tank Americaine (Reference 1736)
Side profile Cartier Tank Américaine

Die klassische Tank kam auf den Markt im Zusammenhang zum Ersten Weltkrieg. Ihre Form referenzierte auf die Erfindung des Panzers. Sie ist Symbol des Glaubens an Technik und Fortschritt. Die Tank Américaine kam 1989 als der Westen siegte und der Osten kollabierte, im Sommer als Fukuyama das Ende der Geschichte sah und im Herbst die Menschen auf der Berliner Mauer tanzten. Sie referenziert nicht auf Technik, sondern Kultur. Die Tank Américaine ist bewaffnet mit der Soft Power des kulturellen Chachet des Westens.

Heute wissen wir, es kam anders. Nach dem vermeintlichen Ende der Geschichte begannen schon sehr bald die endlosen Mühen der Ebene. Den Zeitgeist sah ich nie wieder.

Vielleicht hätte er damals die Tank Américaine genauer ansehen sollen. In der gebogenen Seitenlinie spiegelt sich auch die Tausende Jahre alte Erfahrung von Aufstieg, Blüte und Abstieg von Zivilisationen.

Fin.

Cartier Tank Americaine (Reference 1736)
Cartier Tank Americaine (Reference 1736)

Kaufberatung

Zur Marke

Cartier war ursprünglich ein wirklicher Luxushersteller mit gediegenen Kleinstserien für den örtlichen Jet-set. Die Modelle unterschieden sich deshalb erheblich danach, ob sie von den sehr eigenständig arbeitenden Filialen Cartier Paris, Cartier London und Cartier New York kamen. Seit den 1970ern entwickelte sich Cartier vom Familienbetrieb zum Management getriebenen weltweit agierenden Massenhersteller mit durchaus unterschiedlicher Qualität im gestreamlinten Sortiment. Früher gab es nur Uhren aus Edelmetallen und mit hochwertigen Werken, dann erweiterte Cartier um vergoldetes Silber und bald auch Stahlmodelle. Die Werke waren häufig Quartz-getrieben, oder auch einfache mechanische Stangenware.

Seit 1988 gehört Cartier zum Luxus-Multi Richemont. Die Strategie, nicht mehr ein handwerkliches Produkt, sondern eine Brand zu verkaufen, ist üblich bei den großen Markenkonglomeraten. Sie versorgen damit weltweit die aufstrebenden aber statusunsicheren Mittelschichten mit Symbolen ihres Erfolgs. Bei Cartier funktioniert es. Sie sind nach Rolex gemessen am Umsatz zweitgrößter Uhrenhersteller der Welt. Im Gegensatz zu Rolex gibt es aber auch einen Bereich der Haute Horlogerie. Während die Masse mit einfachen Stahlmodellen gemacht wird, hat Cartier seit 2005 eindrucksvolle eigene Kompetenzen als Uhrenhersteller aufgebaut.

Rotonde de Cartier masse mystérieuse
Rotonde de Cartier masse mystérieuse.

Zudem ist Cartier sehr erfolgreich darin, den Katalog historischer Modelle in limitierten Serien neu aufzulegen und damit Sammler, aber auch Glitterati anzuziehen. Durch diese Doppelstrategie schafft die Marke den Spagat zwischen Massenverkäufen und wahrgenommener Exklusivität.

Zur Modelllinie

Auffällig ist die optische Anlehnung des Gehäuses der Tank Américaine an die Tank Cintrée. Deren so auffällig verlängerte Tank-Form hatte Cartier entworfen, damit das gebogene Gehäuse die Form des Handgelenks nachvollzieht. Die erste Tank war 1917 mit ihrer eckigen Form revolutionär gewesen, weil sie dadurch die Bandanstösse für das Tragen am Arm betonte und sich damit maximal von den runden Taschenuhren abhob. Die Cintrée war der nächste logische Schritt, eine ergonomische Weiterentwicklung. Bei den folgenden Tank Varianten orientierte sich Cartier eher an kulturellen Bezügen wie der Chinoise, oder wurde – etwa um die Zeit als LSD sich verbreitete – sehr experimentierfreudig wie mit der Crash.

Die Américaine interpretierte die typische Designsprache der Art Deco Details und der Linie der Cintrée nun im Power-Modus der späten 1980er, zudem mit echten technischen Neuerungen für noch mehr Ergonomie. Seitlich gesehen, in der Einheit mit Band und Schließe, ergibt sich eine elliptische Form, die sich tatsächlich durch die stufenlose Schließe dem natürlichen Handgelenk anpassen lässt. Es war zudem auch die erste Cartier, die trotz der aufwendigen Form des Glases wasserdicht war. Selbst die Krone hat nicht die Tank-typisch filigrane Kontur, sondern die gut zu greifende Form eines Schraubbolzen-Kopfs. Die Tank Américaine hat deshalb im Familienstammbaum der Tanks eine interessante Position als authentische Weiterentwicklung der gehypten Cintrée, die bisher noch nicht gewürdigt wurde.

Die Cartier Tank Américaine ordnet sich dabei nicht eindeutig in das Line-up ein. Bis vor wenigen Jahren gab es die Tank Américaine einerseits nur in Edelmetall, aber zu Beginn nur mit einfachen Quartz-Werken. Erst im Laufe der 1990er Jahren kamen mechanische Werke und für das für die damalige Zeit aufsehenerregende Chronoreflex von F. Piguet ins Gehäuse. Heute rangiert die Tank Américaine in Stahl nur etwas über dem Einstiegssegment von Cartier und weist die typischen Cartier-Werke des Einstiegsbereichs auf.

Zur Referenz 1735

Interessant aus der Sammler-Perspektive sind deshalb die von 1998–2008 hergestellten CPCP-Varianten (also die Kleinserie Collection Privee Cartier Paris von je nach Edelmetall höchstens 150 Stück) und die hier vorgestellte zugleich vertriebene Serie 1734, 1735 und 1736 (Platin, Gelbgold, Weißgold). Weißgold war als Gehäusematerial ab 1995 erhältlich und ist selbst bezogen auf das insgesamt rare Modell im Verhältnis selten. Chrono24 hat die Variante noch nicht einmal katalogisiert.

Während sämtliche CPCP-Cartiers von Sammlern längst entdeckt und hoch gehandelt werden, ist kaum bekannt, dass diese 1734/1735/1736-Serie komplett baugleich zur CPCP-Variante ist – bis auf das Detail des Schriftzugs “Paris” auf dem Blatt. Zentrales Element beider Linien ist das hochwertige Handaufzugswerk, das klassische Piaget 9 P Kaliber. Es stellt nicht nur eine Verbindung zu den traditionellen Cartier-Uhren aus der Blützezeit dar, sondern auch nur dadurch sind die Proportionen und die wirklich gebogene Form möglich. Die Automatik-Varianten sind durch die Bauhöhe klobiger gestaltet und besitzen eine Beule auf der Rückseite für das Werk. Beides ruiniert die Optik und lässt den Tragekomfort stark abfallen. Sekundenzeiger und Datumsfenster sind Zugeständnisse an den Massenmarkt, die das klare Design abwerten.

Weil dieses Modell auch unter Sammlern kaum bekannt ist, sind die Preise noch nicht abgehoben und liegen deutlich unter der CPCP-Variante.

Hilfe bei der Suche

Bei der Suche nach Occasionen muss man vor allem auf den Zustand des Gehäuses achten, häufig sind die Uhren übermäßig poliert worden. Dies ist auch auf Fotos recht einfach zu erkennen, wenn die ebenfalls goldenen verschraubten Armbandstege nicht mehr in der Flanke versenkt sind, sondern bündig sitzen oder sogar herausstehen. Auch sollte die Flanke sauber mattiert sein.

Zudem hat es erheblichen Einfluss auf den Wert, wenn nicht die mittlerweile von Cartier eingestellte stufenlose Faltschließe, sondern nur eine Cartier-Dornschschließe aus Weißgold im Set dabei ist. Alternativ gab es auch ein Band aus Weißgold für alle, die den Midas Touch brauchen.

Das proprietär entworfene Lederband ist heute noch bei Cartier bestellbar und sogar in Länge und Farbe konfektionierbar. Mit etwas Geduld kann man auch selbst Maße nehmen und sich das Band als Maßanfertigung herstellen lassen. Ich habe sowohl eins von Cartier gekauft (275 €) als auch eins bei J.B. Straps auf Instagram nach Maß aus dem von Hermes genutzten Leder fertigen lassen (100 €) und kann beide Varianten empfehlen.

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